Oscars 2011: 127-Hours
Es gibt immer wieder Filme bei denen ich verstehe warum gewisse Zuseher mit so seltsamen Gesten beginnen wie durch ihre gespreizten Finger zu schauen oder die Augen halb zu schließen. Der neue Film “127 Hours” von Danny Boyle (28 Days later, Slumdog Millionaire) hat ein breites Spektrum an solchen und ähnlichen Zuschauerreaktionen ausgelöst. Bei den Screenings am Telluride Film Festival und bei anderen Vorführungen wurden u.a. Panik-Attacken verzeichnet.
Die unglaubliche und doch wahre Geschichte des Canyon-Kletterers Aron Ralston, der es auf einer seiner Touren im Blue John Canyon in Utha schafft seinen Arm unter einem Gesteinsbrocken festzuklemmen, fesselt sein Publikum wie wenige Filme es vermögen. Boyles grandiose Inszenierung liefert uns Gesichtskino vom Feinsten mit James Franco als jungen Adrenalinjunkie, der 90% des Films seine hervorragenden Schauspielkünste im Close-Up beweist. Boyle wollte nach Aronowskys Vorbild (The Wrestler) einer Figur auf ihrem Weg folgen und tut das hier wirklich aus nächster Nähe und mit einer Leichtigkeit in Kamera und Schnitt, die den Film trotz der beklemmenden Geschichte zu einer Freude fürs Auge machen.
Doch die Freude fürs Auge hört auf wenn Ralstons Optionen immer weniger werden und immer klarer wird, dass der Weg zur Freiheit ein blutiger sein muss. Während Ralston zwischen den Millionen Jahre alten Felswänden festgeklemmt ist, dürfen wir seine Verzweiflung und seine Versuche sie zu bewältigen hautnah miterleben. Er nimmt sich mit seinem kleinen Billig-Camcorder selber auf. Boyle und Franco durften die realen Aufnahmen, die auf Wunsch des echten Aron Ralston unter Verschluss gehalten werden, vor dem Dreh sehen. Das Publikum bekommt Einsicht in seine Gedankenwelt und seine Psyche, die genauso wie sein Körper unter der unfassbaren Strapaze leidet. Trotz des etwas eigenen Charakters und dem teilweise sehr unüberlegten Handeln (“Hey there, Aron! Is it true that you didn’t tell anyone where you were going?“) der Hauptfigur fühlt man ständig mit ihm und er wird so zu einem Sympathieträger. Ich muss zugeben dass Filme in denen die Hauptfigur Qualen am eigenen Körper erleiden muss, ein Schwachpunkt von mir sind. Egal wie grausliche Zombie-Innereien auf der Leinwand zu sehen sind oder wie viele Bad Guys der Held der Geschichte zerlegt, nichts nimmt mich mit wie wenn dem Protagonisten z.B. Fingernägel ausfallen (Black Swan, District 9) oder er/sie sonstige Verstümmelungen am eigenen Körper erleiden muss. Allerdings die Kritik dass Regisseure solche Szenen nicht so grafisch zeigen sollen, kann ich nur selten teilen. Wenn es um die akkurate Darstellung wahrer Tatsachen geht und es mit so viel filmischem Fingerspitzengefühl geschieht wie bei Danny Boyle, ist das natürlich etwas gänzlich anderes als Torture Porn á la Hostel und durchaus vertretbar. Um zu guter letzt noch den realen Aron Ralston zu zitieren: ” the film is so factually accurate it is as close to a documentary as you can get and still be a drama.”
Wer denkt dass Aron Ralstons autobiografische Schilderung seiner 5-Tage langen Qual „Between a Rock and a Hard Place” unmöglich zu verfilmen ist, sollte unbedingt das nächste Kino aufsuchen und sich von Danny Boyle und seinem sehr geschickten Team das Gegenteil beweisen lassen. Vorausgesetzt man hat keinen allzu sensiblen Magen.
Oscar-Chancen: Der Streifen, der außer für den besten Film auch noch in den Kategorien Schnitt, Song, Soundtrack, adaptiertes Drehbuch und bester Schauspieler nominiert ist, hätte meiner Meinung die 6 Trophäen alle verdient. Als realistischsten Gewinn schätze ich den Oscar für „Best Actor“ für James Francos hervorragende Leistung ein.


