Oscars 2011: True Grit
Die Coen-Brüder Ethan und Joel schütteln genauso unaufhaltsam sowie regelmäßig Spielfilme aus den Ärmeln und verdienen sich damit nicht nur Respekt und Kultstatus bei Kritikern und Fanboys sondern auch immer mehr Geld an den Kinokassen.
Ihr erster klar definierter Genre-Film True Grit hat ihren Neo-Western No Country for Old Men als Spitzenverdiener abgelöst. Beide Filme haben ein Buch als Vorlage, nicht wie man bei True Grit annehmen könnte den John Wayne–Western von 1969 mit dem selben Namen. Liebhaber der Original-Coen-Screenplays wie zB. Fargo oder Burn after reading werden vielleicht von diesem Fakt enttäuscht sein, doch es gibt keinen Grund zur Sorge. Wer ein paar Filme der Coens gesehen hat, wird die künstlerische Handschrift der beiden in jedem Detail wiedererkennen.
Nicht nur haben sie in ihrem Cast bekannte Namen für Fans der Brüder, wie Jeff Bridges (The Big Lebowski) und Josh Brolin sondern auch für sie neue Gesichter wie Matt Damon oder völlige Neuentdeckungen wie die 15-Jährige Hailee Steinfeld. Sie spielt die toughe, schlagfertige und für ihr Alter überaus erwachsene Mattie Ross die den abgehalfterten U.S. Marshall Rooster Cogburn (Jeff Bridges als unhöflicher Trunkenbold, dessen Vollbart seinen Worten einiges an Verständlichkeit raubt, da war doch was) anheuert um den Mörder ihres Vaters zu schnappen.
Mit ihrer eisernen Überzeugung den Tod ihres Vaters zu rächen, ihrer berechnenden, ernsten Art und ihrer Attitüde sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, stielt sie dem erwachsenen Ensemble teilweise die Show und bringt eine interessante Dynamik in das klassischen Western-Szenario.
Trotzdem schafft sie es als weibliche Hauptfigur (die von der Academy als Beste Nebendarstellerin nominiert wurde) genauso wie die anderen Charaktere nicht richtig zum Sympathieträger zu werden. Einen Aspekt, den wir öfter in Filmen beobachten können, die von den Coens geschrieben worden sind.
Dies hat jedoch nichts mit fehlenden Schauspielleistungen zu tun, denn hier liefern alle Beteiligten sehr überzeugende Arbeit ab. Es besteht trotzdem immer eine gewisse Distanz zu den Rollen, deren Charakterschwächen Quell für einen Großteil der schwarzhumoristischen Gags (ja, es gibt Gags) und der Storyentwicklungen sind.
Im Gegensatz zu anderen Western wird nicht im saloppen Hinterwäldler-Slang gesprochen, sondern in geschwollener Wörterbuch-Sprache, eine angenehme Abwechslung die beweist was für ein mächtiges Instrument des Filmemachers die Sprache ist, falls sie so meisterhaft eingesetzt wird wie hier.
Und damit meine ich, dass sie fast durchgehend eingesetzt wird. Wer sich von reißerischen Trailern ein 96 Minütiges Shoot-Out erwartet hat, der wird wohl enttäuscht den Kinosaal verlassen. Im Gegensatz zu No Country for Old Men gehen hier Dialogszenen nahtlos ineinander über und lassen nur wenig Platz für Action, was jedoch zu keinem Moment Langweile bedeutet.
Im Großen und Ganzen haben die Coens hier einen Fast-Vorzeige-Western abgeliefert. Die Tatsache, dass emotionale Erzählungen über Rache, Liebe und Freundschaft eigentlich nicht ihr Metier sind, kompensieren sie mit einem Cast in Bestform, einer einwandfreien Inszenierung und einer ordentlichen Portion Coen-Charme und Humor.
Oscar-Chancen:
Die Verleihung startet in wenigen Minuten – ob bzw. wie viele Trophäen ”True Grit” mit seinen 10 Nominierungen einheimsen kann, hat die Jury schon entschieden.
Der Beste Film wird es nicht werden da schon No Country for Old Men vor 3 Jahren diesen Preis gewonnen hat. Gewinne in den anderen nominierten Kategorien (Regie, Kamera, Kostüm, Szenenbild, Sound Editing, Sound Mixing, Hauptdarsteller, Nebendarstellerin und adaptiertes Drehbuch) sind jedoch sehr wahrscheinlich.


