Review: Never Let Me Go

Carrey Mulligan as Kathy H.

Never Let Me Go ist wieder einmal ein Film, dessen Titel völlig falsche Assoziationen weckt. Weder gibt er den Inhalt wieder (er bezieht sich nur auf einen fiktiven Song) noch lässt er potenzielle Seher das Meisterwerk erwarten, dass der Film dann tatsächlich ist.
Der deutsche Titel Alles was wir geben mussten steht da noch eine gute Stufe drunter, ist aber nicht wie sonst den Mad Men in den Verleihen anzulasten, sondern den Kollegen aus dem zuständigen Buchverlag.

Bekannte Buchvorlage
Ich habe es damit schon vorweggenommen: der Film basiert auf einer Buchvorlage des japanisch-britischen Autors Kazuo Ishiguro. Ishiguro, auch bekannt für seinen Roman The Remains of the Day (Deutsch: Was vom Tage übrig bliebt), dessen Filmadaption u.a. mit Anthony Hopkins und Emma Thompson 8 Oscarnominierungen einheimste, konstruiert in Never Let Me Go eine Utopie, wonach es in den 1950er Jahren zu solchen medizinischen Fortschritten gekommen war, dass bisher unheilbare Krankheiten heilbar wurden und die durchschnittliche Lebenserwartung auf über 100 Jahre angehoben werden konnte.
Allerdings hat diese Entwicklung auch ihren Preis, was die Utopie schnell zu einer unmenschlichen Dystopie werden lässt.

Dystopische 70er
Eingebettet in diese Rahmenhandlung bringen Regisseur Mark Romanek (neben seinem Film One Hour Photo mit Robin Williams aus dem Jahr 2002 bisher eher als Musikvideoregisseur anzutreffen) und Drehbuchautor Alex Garland (28 Days Later, Sunshine) Ishiguro’s Geschichte von Kathy H. (Carrey Mulligan) und ihren Freunden Ruth (Keira Knightley) und Tommy (Andrew Garfield) als ausgesprochen kühl inszenierten aber vielleicht gerade deshalb umso mehr berührenden Film auf die Leinwand.

Das geschieht in Form einer von der 28-jährigen Kathy erzählten Rückblende auf ihre Kindheit und Jugend im britischen Internat Hailsham der späten 70er Jahre, das von der strengen Miss Emily (Charlotte Rampling) geleitet wird.
Von Anfang an wirkt das Geschehen im Internat seltsam steril und künstlich. Geradezu unheimlich wird es als Miss Emily vor den versammelten Schülerschaft erklärt:
“Students of Hailsham are special. Keeping yourselves well, keeping yourselves healthy inside, is of paramount importance.”

Erst als Miss Lucy (Sally Hawkins), eine neue Erzieherin, es nicht mehr aushält und die Kinder über ihre festgelegte Zukunft aufklärt, bringt das etwas Licht in das Geschehen. Sie tut das in der für den Film symptomatischen Weise: seltsam gefasst, sich nur wenige Emotionen erlaubend und als fatalistische Tatsachenbeschreibung. Die Zukunft der Hailsham-Kinder ist unausweichlich: “None of you will go to America. [...] None of you will do anything, expect live the life that has already been set out for you.”

Kühle Atmosphäre
Hier findet sich eine der vielen starken Szenen des Films, der im Folgenden retrospektiv das Leben der drei Hauptpersonen (auch nach Hailsham) und ihre Beziehungen zueinander beschreibt. Nach und nach entwickelt sich – wie könnte es anders sein – eine Dreiecksbeziehung zwischen Ruth, Tommy und Kathy. Aber auch hier bleibt der Film seiner Atmosphäre treu, beschreibt kühl, distanziert und die Unausweichlichkeit der Ereignisse hinnehmend.
Diese Beschreibungen treffen auch auf die Charaktere zu. Kaum findet eine Auflehnung gegen das Vorbestimmte statt, mit einer resignierenden Gleichgültigkeit nehmen die Drei ihr Schicksal hin. Erst gegen Ende des Films, als die zuvor leicht antagonistisch charkterisierte Ruth die Wende einleitet, kommen die Emotionen kurz an die Oberfläche.

Unglaubliche Schauspielleistungen
Trotz dieser (durch Musik und Farbgebung unterstützen) betonten Kühle und scheinbarer Emotionslosigkeit erzählt der Film eine der berührendsten Geschichten der letzten Jahre. Die Gründe, dass ihm das gelingt, sind neben den schon beschriebenen Charakteristika, die jedes Abgleiten in Kitsch oder Pathos schon im Ansatz ersticken, vor allem in den unbeschreiblich guten Schauspielleistungen zu suchen.

Carey Mulligan
Allen voran ist hier Hauptdarstellerin und Erzählerin Carey Mulligan zu nennen. Sie erhielt bereits im Vorjahr für ihre ebenfalls sehr gute Leistung im ebenso empfehlenswerten An Education eine Nominierung für die Academy Awards. Wieso diese heuer ausgeblieben ist, ist absolut unverständlich. Mit ihrer grandiosen Leistung, Kathys doch vorhandene Gefühle unter der Oberfläche zu lassen und nur durch Blicke Aufschluss davon zu geben, die bis dato unübertroffen ist, hätte sie meiner Meinung nach der diesjährigen, ebenfalls grandiosen Gewinnerin Nathalie Portman, erhebliche Konkurrenz gemacht.
Bei einer guten Rolle in einer endlich auch größeren Produktion ist der Oscar in naher Zukunft auf jeden Fall sicher.

Andrew Garfield
Ähnliches gilt für Andrew Garfield, dessen gleich zweimalige heurige Nichtbeachtung seiner Leistungen (in The Social Network und hier) durch die Academy man ebenfalls getrost als gröberen Skandal bewerten kann. Seine Performance als kindlich-naiver und unbeholfener Tommy, der sich trotz der Unausweichlichkeit seines Schicksals Frohsinn und sogar Optimismus bewahrt (und eine der wenigen starken emotionalen Reaktionen im Film haben darf, als er bitter enttäuscht wird), ist ebenfalls nur als grandios zu bezeichnen.

Keira Knightley
Keira Knightley
fällt – auch angesichts ihrer Rolle – hier etwas ab, ist mit ihrer Schauspielleistung aber trotzdem noch auf einem hohen Niveau, dass sich in ihren starken Szenen am Ende des Films jenem der beiden anderen noch etwas annähert.

Solide Leistungen von Charlotte Rampling, Sally Hawkins und der Französin Nathalie Richards als rätselhaften Madame runden die Riege der erwachsenen Schauspieler ab.

Beeindruckendes Kinderensemble
Bereits erwähnt wurde, dass der erste Teil (ca. ein Drittel) des Films in der Kindheit der Protagonisten spielt, dementsprechend werden diese hier von KinderschauspielerInnen gespielt. Kinderdarsteller sind ja oft die große Schwäche der Filme bei denen sie zum Einsatz kommen. Man erinnere sich mit Schaudern beispielsweise an die “Performance” von Dakota Fanning in Steven Spielbergs Remake von The War of the Worlds im Jahr 2005.

Ganz anders hier: Nicht nur die physische Ähnlichkeit von Isobel Meikle-Small (Kathy) und Ella Purnell (Ruth) zu ihren erwachsenen Pendants ist verblüffend, auch die Schauspielleistungen von Charlie Rowe (Tommy) und den beiden sind nicht zu unterschätzen. Insofern kann man hier auch von einer meisterlichen Leistung der Castingabteilung sprechen. Ich kann mich an kaum einen Film erinnern, wo junge Schauspieler es so problemlos schaffen, so subtil zu spielen. Dementsprechend gelingt es ihnen auch ohne Probleme das erste Drittel des Films zu tragen und fast nahtlos an die später gezeigten (und oben beschriebenen) Meisterleistungen von Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley anzuschließen.

Interessant am Rande: Um diese Tatsache sicherzustellen, lies Mark Romanek im Vorfeld der Dreharbeiten ausführlich proben. Dabei waren immer alle drei Hauptdarsteller beider Altersgruppen anwesend, wobei bunt durchgewürfelt wurde – d.h. sowohl die jungen als auch die älteren, professionellen Darsteller mussten alle Aspekte ihrer Rollen spielen können – immer unter den Augen des jeweiligen Pendants, was sicherlich einen erheblichen Lerneffekt (beiderseits) zur Folge hatte.  Das ist eine Methode, die sich künftig jeder Regisseur gerne abschauen darf.

Fazit
Abschließend gibt es kaum etwas, dass man an Never Let Me Go bemängeln könnte. Regisseur Romanek bringt Kazuo Ishiguro’s Story gleichzeitig so kühl und distanziert auf die Leinwand, dass man sich zuerst wohl kaum vorstellen kann, dass dieser Film so berührend sein könnte. Dass er es doch ist, ist zu einem großen Teil als Gesamtheit absolut fantastischen Schauspielleistungen zu verdanken, aus denen Carey Mulligans Performance sogar noch hervorsticht.

Umso unverständlicher ist es, dass der Film an den US-amerikanischen Kinokassen eher bescheiden gelaufen ist und bis dato sein Budget von 15 Mio. $ noch nicht hereingespielt hat. Das mag zum einen an einer verkorksten Strategie der Produktionsfirmen liegen, zum anderen wohl aber auch durch die völlige Nichtbeachtung der Academy. Zu hoffen ist, dass der Film durch seinen verspäteten Kinostart in Kontinentaleuropa (Österreichstarttermin war der 13. Mai) noch etwas aufholt, schließlich sind sich die Kritiker hier weitgehend einig, dass hier ein überdurchschnittlich guter Film vorliegt.
Ich würde sogar sagen: ein veritables Meisterwerk.

Never Let Me Go ist derzeit in Graz nur im KIZ Royal Kino zu sehen. Dort dafür aber im Originalton mit Untertiteln.

PS.: Wer nicht darauf steht, vor dem Kinogehen schon die komplette Story inkl. Ende zu wissen, sollte vom Genuss des zugehörigen Trailers Abstand nehmen. Der spoilert nämlich wieder einmal alles.

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